Deutsch, Poetry

Lied

die SchlĂŒssel rasseln beim Öffnen
in Moll oder Dur
unter ungesicherten Vorzeichen
klingt jeder Tag dominant

die Sonne scheint auf meinen WĂ€schekorb
und auf deine Zehen, stelle ich mir vor
und suche nach der großen Klammer
fĂŒr die Kleider, die ich nicht mehr trage

bis du wiederkommst
straff spannt sich die Leine
ich hÀnge die Tonika auf

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Deutsch, Poetry

komm in mein ungemachtes bett und zÀhl

die ausgefallnen haare auf den kissen
sieh wie der himmel morgens grau bleibt
als hintergrund fĂŒr flĂŒche vor dem fenster

lass dich vom hupen wecken wenn der tag schon
weiter ist als meine straße hör auf das kirchenlĂ€uten
das die uhr ersetzt und streich mit deiner rauen hand
die braue glatt auf traumesfalber haut

vielleicht wird dann der abend wiedergeben 
was sieben jahre ĂŒberschrieben haben
vielleicht wird mein mund dann in deinem finden
was ausgesprochen schmeckt wie totes salz

inspiriert von Stefan George

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Deutsch, Shorts

Hastemaneuro

Das schaffst du nie. Die Leute haben alle was vor. Die zwei Frauen sind im GesprĂ€ch. Da drĂŒben die beiden kĂŒssen sich. Der Mann verpasst sonst noch deinetwegen den Zug. Den kannst du nicht fragen. Weitergehen. So aussehen, als ob man was zu tun hat, nicht so lange die Passanten anstarren, das geht doch nicht. Die sehen alle so wichtig aus.

Schon eine halbe Stunde laufe ich jetzt durch die Stadt und suche nach jemandem, den ich fragen kann. Irgendjemand muss doch so aussehen, als ob ich ihn fragen könnte. Mir wĂ€re es wahrscheinlich auch unangenehm. Was ich wohl antworten wĂŒrde. Vielleicht nichts. Vielleicht einfach nein. Bis jetzt hat noch niemand nein gesagt. Ich habe aber auch noch niemanden gefragt.

Da, der Mann sieht freundlich aus, er schlendert an den Schaufenstern vorbei und fĂŒttert nebenbei die Tauben. Man muss das unauffĂ€llig machen. Abstand halten. Kurz hinsehen, ob er was merkt. Er sieht wirklich nett aus, schaut zurĂŒck. „Ist was?“

Ist das peinlich. Nein. Das Wort klettert leise und unbeholfen zwischen meinen ZĂ€hnen aus dem Mund. GlĂŒhende Wangen. So ist das immer. Das wĂ€re deine Chance gewesen. Du hast es wieder vermasselt! Schnell weitergehen. Versuchen, den Vorfall zu vergessen.

Immerhin hast du dich getraut, ihn anzusehen. Immerhin hat dich jemand gesehen.

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Deutsch, Poetry

ein feste burg

die mauer aus papier und geist hÀlt deine vielen gebÀude,
keine audienzhalle und keine königlichen gemÀcher, keine
tĂŒrschlösser und souvenirgeschĂ€fte, kein ort 
fĂŒr touristen: alles echt.

du stehst immer belagert,
auch ich, wenn ich bei dir bin. 
ich bin korrupt und kÀmpfe
fĂŒr beide seiten. der feind zahlt

seine bestechung cash; dein sold
ein scheck in unbekannter wÀhrung.
wÀhrend wir umzingelt liegen,
geht nie die versorgung aus.

das bezweifle ich jeden morgen beim aufstehn
und gehe deshalb manchmal nicht
zum frĂŒhstĂŒck. ich frage nicht, wie groß
deine keller sind.

du bist nur ĂŒber die zugbrĂŒcke
erreichbar. die aussicht ist berauschend
an klaren tagen. wenn das wetter
schlecht ist, peitscht der regen durch

die fensteröffnungen: kein glas.

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Deutsch, Poetry

FĂŒr den Lehrer der Athleten

Ich suche mich selbst und erkenne mich selbst

und wer meine Haut berĂŒhrt, berĂŒhrt den Pazifik

denn ihr Anfang und Ende sind nicht zu erfassen.

Ich weiß, ich bin unendlich.

Leben ist grenzenlos.

Ich bin in der Welt. Alles liegt in mir.

Meine Seele ist ewig und nicht auszulöschen.

Ich werde immer wachsen, nie werde ich satt sein.

Ich weiß, ich bin grĂ¶ĂŸer als der Horizont.

Ich bin jung, ich bin alt und bin neu.

Ich weiß, ich werde bestehen.

Alles kann ich ĂŒberdauern.

Ich verachte, was ihr VergÀnglichkeit nennt

und kenne das Geheimnis der Zeit.

With gratitude to the teacher of athletes, Walt Whitman — and my own teachers of athletes. You know who you are.

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