Deutsch, Shorts

Super Illusion

Super Illusion

Was braucht der Mensch zum GlĂĽcklichsein? Wie glĂĽcklich macht Mallorca?

Bis 1989 waren die Profizauberer ausgebucht. Heute sieht man sie in den Fußgängerzonen mit Kartentricks ein paar Cent verdienen. Sie tragen lange Haare. Wo bleibt die Selbstdisziplin, wenn um jeden Euro gekämpft werden muss?

Eine traurige Zeit ist das. Freute man sich früher über einen soliden Beruf, machen sich heute Wut und Enttäuschung über die Arbeitsbedingungen breit. Wir handeln Sozialpläne aus. Fürstliche Boni. Dienstwagen. Wir gehen in Revision und auf Expansionskurs. Wir schieben 200 Millionen Überstunden vor uns her.

Einige Bosse hat Käptn Blaubär gefressen. Der lernte 1994 in Berlin die Eisfee kennen und reiste mit ihr um die Welt, mit Laptop, 200 CDs und ein paar Klamotten. Puerto Rico, Costa Rica, Südafrika, Trinidad.

Eröffneten Ende der Neunziger eine Internetfirma auf Mallorca. Bieten Profizauberern einen Job und die Möglichkeit, eine Woche lang gut zu leben. Meer, Sonne, Strand und Internet. Frühstück auf der Terrasse. Zur Party nach Berlin. Mit dem Firmenwagen übers Land brausen. Aus der Pleite ins Glück.

Währenddessen läuft im Internet die Abstimmung über den Kopf der Woche. Bis zu 16 Stunden täglich sitzen die Fans am Bildschirm und bieten mit.

Samstagmorgens trifft man sich zur Nachlese. Lässt den Kopf der Woche rollen, verschickt ihn gegen Vorlasse an den Höchstbietenden, eingelegt in Spiritus in einer Mehrwegflasche mit Etikett: “Hoffnungsträger”. Dann erzählt man sich Geschichten. Sägt Holz und Knochen, kehrt das Sägemehl ordentlich auf. Backt daraus Brot fĂĽr die Welt. Hier haben die Leute Splitter in den Fingern.

Sonntags nach dem Gottesdienst ein Fernsehinterview fĂĽr den Spitzenkandidaten der Woche 621. Auf die Frage nach der Angst antwortet er ruhig. “Auch Dachdecker können vom Dach fallen, das ist Berufsrisiko. Meine Familie ist stolz auf mich, weil ich eine berufliche Perspektive habe.”

Die Eisfee verkĂĽndet: “Ich hab immer geschafft, was ich wollte.” Anfangs konnte sie davon nicht leben. Mittlerweile ist sie 168 Jahre alt. Aber hier auf Mallorca schaut keiner aufs Alter. Hier schauen alle aufs Meer.

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Deutsch, Poetry

Heimat

Ich seh den Buchsbaum im Garten stehn.
Vater beschneidet den Efeu.
Aus der Ruhe bricht so ein Ton hervor,
der nicht verklingt.

Nachbarn trimmen die Hecken in Form.
Mutter streut Schneckenkorn.
Auf dem Feld hinterm Haus werden StraĂźen gebaut
für künftige Häuser.

In meinem Bett werden Gäste schlafen.
Ich kehre die StraĂźe und singe.
Aus dem Ton steigt so eine Ruhe empor
die nicht verklingt.

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Deutsch, Poetry

Aus einem Land vor unserer Zeit

In den letzten 15 Jahren bin ich siebenmal umgezogen.

Ein gewisses Notizbuch habe ich jedesmal mitgenommen — ohne hineinzuschauen.

Bis jetzt.

Texte, die ich 1999 und 2000 aufgeschrieben habe — Zeitungsschnipsel, die über Lyriklesungen berichten — aus einem Land vor unserer Zeit.

1999-2000 war ich 17; Gerhard Schröder war Bundeskanzler, die Twin Towers standen noch und am Flughafen konnte man noch eine Familienpackung Shampoo im Handgepäck dabeihaben. Den elektronischen Euro gab’s zwar schon, aber “in echt” haben wir noch mit DM bezahlt. Napster kam raus, das schottische Parlament wurde neu eröffnet und Putin wurde russischer Präsident (zunächst vorĂĽbergehend).

Und zwischendrin diese Texte:

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Deutsch, Poetry

20 Jahre alte Texte

1998 …

Mann, da war ich 16.


Da liege ich nun wieder
und kein Gebet beendet den Tag
Heute warst du da
Die Kissen noch warm von deinem Haar
Heute wohnst du noch hier
Wenn Morgen einzieht, wirft er dich hinaus


Regen auf den Zug
Tausendmal gesehen
Lächeln
Durch das Glas, ein letztes
Der Zug fährt
Am Bahnsteig stehe ich.


Ohne Worte

Während du noch schläfst
Starre ich in die Sonne
Bis sie geblendet untergeht


Charmeur!

Wirft mir Kompliment fĂĽr Kompliment
Wie Namen an den Kopf
Bettet mich auf Rosen
Sperrt mich ein in seinen Käfig aus güldenen Gefühlen
Gib mir sein Herz in die Hand
Dass ich es an die Wand nageln kann


Maiglöckchen

Haut aus heiĂźem Schnee
Hast mich warten lassen
Obwohl ich gar nicht wusste
Dass du fehlst

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