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Hastemaneuro

Das schaffst du nie. Die Leute haben alle was vor. Die zwei Frauen sind im GesprĂ€ch. Da drĂŒben die beiden kĂŒssen sich. Der Mann verpasst sonst noch deinetwegen den Zug. Den kannst du nicht fragen. Weitergehen. So aussehen, als ob man was zu tun hat, nicht so lange die Passanten anstarren, das geht doch nicht. Die sehen alle so wichtig aus.

Schon eine halbe Stunde laufe ich jetzt durch die Stadt und suche nach jemandem, den ich fragen kann. Irgendjemand muss doch so aussehen, als ob ich ihn fragen könnte. Mir wĂ€re es wahrscheinlich auch unangenehm. Was ich wohl antworten wĂŒrde. Vielleicht nichts. Vielleicht einfach nein. Bis jetzt hat noch niemand nein gesagt. Ich habe aber auch noch niemanden gefragt.

Da, der Mann sieht freundlich aus, er schlendert an den Schaufenstern vorbei und fĂŒttert nebenbei die Tauben. Man muss das unauffĂ€llig machen. Abstand halten. Kurz hinsehen, ob er was merkt. Er sieht wirklich nett aus, schaut zurĂŒck. „Ist was?“

Ist das peinlich. Nein. Das Wort klettert leise und unbeholfen zwischen meinen ZĂ€hnen aus dem Mund. GlĂŒhende Wangen. So ist das immer. Das wĂ€re deine Chance gewesen. Du hast es wieder vermasselt! Schnell weitergehen. Versuchen, den Vorfall zu vergessen.

Immerhin hast du dich getraut, ihn anzusehen. Immerhin hat dich jemand gesehen.

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Super Illusion

Super Illusion

Was braucht der Mensch zum GlĂŒcklichsein? Wie glĂŒcklich macht Mallorca?

Bis 1989 waren die Profizauberer ausgebucht. Heute sieht man sie in den FußgĂ€ngerzonen mit Kartentricks ein paar Cent verdienen. Sie tragen lange Haare. Wo bleibt die Selbstdisziplin, wenn um jeden Euro gekĂ€mpft werden muss?

Eine traurige Zeit ist das. Freute man sich frĂŒher ĂŒber einen soliden Beruf, machen sich heute Wut und EnttĂ€uschung ĂŒber die Arbeitsbedingungen breit. Wir handeln SozialplĂ€ne aus. FĂŒrstliche Boni. Dienstwagen. Wir gehen in Revision und auf Expansionskurs. Wir schieben 200 Millionen Überstunden vor uns her.

Einige Bosse hat KĂ€ptn BlaubĂ€r gefressen. Der lernte 1994 in Berlin die Eisfee kennen und reiste mit ihr um die Welt, mit Laptop, 200 CDs und ein paar Klamotten. Puerto Rico, Costa Rica, SĂŒdafrika, Trinidad.

Eröffneten Ende der Neunziger eine Internetfirma auf Mallorca. Bieten Profizauberern einen Job und die Möglichkeit, eine Woche lang gut zu leben. Meer, Sonne, Strand und Internet. FrĂŒhstĂŒck auf der Terrasse. Zur Party nach Berlin. Mit dem Firmenwagen ĂŒbers Land brausen. Aus der Pleite ins GlĂŒck.

WĂ€hrenddessen lĂ€uft im Internet die Abstimmung ĂŒber den Kopf der Woche. Bis zu 16 Stunden tĂ€glich sitzen die Fans am Bildschirm und bieten mit.

Samstagmorgens trifft man sich zur Nachlese. LĂ€sst den Kopf der Woche rollen, verschickt ihn gegen Vorlasse an den Höchstbietenden, eingelegt in Spiritus in einer Mehrwegflasche mit Etikett: “HoffnungstrĂ€ger”. Dann erzĂ€hlt man sich Geschichten. SĂ€gt Holz und Knochen, kehrt das SĂ€gemehl ordentlich auf. Backt daraus Brot fĂŒr die Welt. Hier haben die Leute Splitter in den Fingern.

Sonntags nach dem Gottesdienst ein Fernsehinterview fĂŒr den Spitzenkandidaten der Woche 621. Auf die Frage nach der Angst antwortet er ruhig. “Auch Dachdecker können vom Dach fallen, das ist Berufsrisiko. Meine Familie ist stolz auf mich, weil ich eine berufliche Perspektive habe.”

Die Eisfee verkĂŒndet: “Ich hab immer geschafft, was ich wollte.” Anfangs konnte sie davon nicht leben. Mittlerweile ist sie 168 Jahre alt. Aber hier auf Mallorca schaut keiner aufs Alter. Hier schauen alle aufs Meer.

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Mitten in der Stadt

Gillian wartet.

Der Boden ist aus Granit, ihre Kippe fĂ€llt hart. Hier ist Baustelle. Neben ihr ein Herr im Anzug, Gelfrisur, Aktenköfferchen. Er holt ein PĂ€ckchen HandkĂ€se aus der Manteltasche, reißt es auf und isst den KĂ€se pur, langsam, schmatzend, kaut mit offenem Mund. Das Zellophan knistert in seiner Hand. Er rĂŒlpst laut und zieht ein Mundspray aus der Tasche. Er trĂ€gt Lackschuhe. Vor ihr ein PĂ€rchen. Sie, vielleicht fĂŒnfundzwanzig, Glitzerminikleid, gefĂ€rbte schwarze Haare, er im Kaschmirmantel, um die fĂŒnfzig. Sie knutschen wild, als wĂ€re es zum letzten Mal. Gillian sieht, wie ihre Zungen sich berĂŒhren. Die Frau knickt um in ihren High Heils und stöhnt auf.

KrÀhe setzt sich neben KrÀhe. Gillian steht auf.

Der HandkĂ€semann ist weg. Die Lautsprecher rufen ihr Abfahrtszeiten zu, sie will nicht hinhören und kann nicht weghören, versucht sich die Frau vorzustellen, die ihr sagt, dass der ICE WestmĂŒnsterland zwanzig Minuten spĂ€ter ankommt.

Sie sagt es gar nicht Gillian. Sondern den Leuten an Gleis 5b. Die Sonne geht auf. In Hollywood-Filmen kann man den Sonnenaufgang hören. Sie hört die Ansagerin und einfahrende ZĂŒge. Das Licht geht aus.

Der Zeitschriftenladen hat zu, und sie hat ihr Buch vergessen. Scheiße auch heute Morgen, aber sie war gestern spĂ€t dran, Udo hat sowieso geschimpft, weil sie zu spĂ€t kam. Die Heimkehr des verlorenen Sohnes, hat er gelĂ€stert. Dabei scheint er die Geschichte gar nicht zu kennen, der verlorene Sohn wird nĂ€mlich mit einem Fest empfangen.

Gillian hat zwei Stunden rumgehockt und geraucht, weil es keine Arbeit fĂŒr sie gab. Es lief Jazz. Könnte ein CafĂ© fĂŒr Intellektuelle sein, und sie könnte sich cool finden, weil sie dort arbeiten darf.

Sie geht zum Zigarettenautomaten gegenĂŒber der Damentoilette, hört den MĂŒnzen zu, wie sie durch den Schlitz nach unten fallen.

Zieh dich endlich um, Gill!, hat Udo gebrĂŒllt. Sie ist ins BĂŒro gegangen, hat ihr Hemd vom BĂŒgel gerissen, Krawatte und SchĂŒrze umgebunden, Krawatte zu lang, auf der SchĂŒrze noch Flecken von gestern, Ina hat sie angemotzt, sie mit der Krawatte stranguliert und gezischt, sie solle freundlicher gucken. Gillian verzieht das Gesicht. Es regnet. Sie friert.

Jemand kommt die Treppe hoch. Er klappt seinen rosaroten Schlimm zusammen. Seine Schuhe quietschen.

Die TĂŒren schließen automatisch, ruft die Lautsprecherin. Die MĂ€nner haben gelbe Socken an, sie springen in den Zug. Vorsicht bei der Abfahrt. Sie hat sich immer schon gefragt, wie viele von den automatischen TĂŒren eingeklemmt werden.

Der Mann mit dem Schirm starrt sie an, packt ein Fischbrötchen aus und beißt rein. Wo er das wohl her hat? Sie will auch ein Fischbrötchen. Um diese Uhrzeit?, wĂŒrde Mutter jetzt fragen, mit hochgezogenen Augenbrauen und spitzen Lippen.

Gillians rechter Arm tut weh. Die Tabletts waren wieder schwer, sie hat wieder WeizenbierglĂ€ser balanciert. Udo hat sie angestoßen. Versehentlich. Dann haben sich die GlĂ€ser versehentlich vom Tablett gestĂŒrzt und Ina hat versehentlich angefangen hysterisch zu kreischen.

Wieder schließen automatische TĂŒren. Es ist Herbst. In diesem Jahr gab es keinen FrĂŒhling, erst recht keinen Sommer. Der Wind treibt AhornblĂ€tter ĂŒber den Bahnsteig. Der Regen klebt sie auf den Boden. Heute werden hunderte FĂŒĂŸe darĂŒberlaufen, morgen werden sie eine milimeterdĂŒnne Humusschicht sein, ĂŒbermorgen werden sie weggekehrt.

Der Mann packt noch einen Jogurt aus, er scheint hungrig zu sein. Neben ihm eine riesige Reisetasche und ein Geigenkasten. Wie er wohl aussieht, wenn er Geige spielt? Ob er die Augen schließt? Mutter legt beim Klavierspielen das ganze Gesicht in Falten. Ihr Kinn sieht dann immer ganz alt aus. Komisch. Gillian grinst.

Er sieht jedenfalls gut aus, groß, blond, große Augen. Er wirft seinen Jogurtbecher in den PlastikmĂŒll und sieht sie an.

Und sie sah einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den SchlĂŒssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand.

Es wird dunkler. Die Wolken sind dunkelgrau. Die Laternen gehen wieder an. Ob dafĂŒr auch die Lautsprecherin zustĂ€ndig ist? Bestimmt ist sie groß und dick und trĂ€gt eine blaue Uniform und braune Haare zum Knoten gesteckt.

Der Zeigefinger im Kopf zeigt auf ein Bild von mir selbst, denkt sie. Woran erinnert sie die Zeile, wo gehört sie hin? Heute Abend ist sie ihr eingefallen, als sie nichts zu tun hatte und einer Frau zusah, die Schaum spuckend zusammenbrach, vermutlich vom Alkohol und weil Skate-Nacht war.

Noch nicht einmal Zettel und Stift hat sie.

Gillian schaut sich um. Den Engel will sie nicht fragen, er wird fragen, wozu, und sie wird rot werden und nichts antworten können. Sie bindet ihren Schuh, der schon lange offen ist, und zĂŒndet sich eine Zigarette an… es lĂ€sst ihr keine Ruhe. Mit zitternden Knien geht sie auf ihn zu. Er gibt ihr blĂŒtenweißes Papier und einen schwarzen Bleistift. Wozu?, sagt er.

Der Zug kommt. Sie steigt ein und setzt sich in ein Abteil. GegenĂŒber sitzt er. Sein Schirm tropft, seine Augen sind geschlossen. Sie lehnt sich zurĂŒck.

Mitten in der Stadt geht mir die Messerschneide nach. Der Zeigefinger im Kopf zeigt auf ein Bild von mir selbst, schreibt der schwarze Stift.

Der Zug fÀhrt ab.

Erschienen in:

Little Artur unterwegs: eine Dokumentation von SchreibwerkstÀtten mit Kindern und Jugendlichen in Rheinland-Pfalz. Hg. v. Ilka Froh, Marcus Weber. Annweiler: Plöger, 2001.

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